Konflikt bei Amazon

Konflikt bei Amazon

Brief der Gewerkschaftssektion der Inicjatywa Pracownicza bei Amazon in Poznan/Polen vom 29. Juni 2015 an alle Ver.di-Vertrauensleute und alle Arbeiterinnen und Arbeiter bei Amazon Deutschland zu den Solidaritätsaktionen mit dem Amazon-Streik in Deutschland und zur Einleitung von Arbeitskampfmaßnahmen gegen Amazon in Polen.

Der Konflikt zwischen Belegschaft und Arbeitgeber bei Amazon in Poznan schwelt bereits seit einigen Monaten. Schon vor geraumer Zeit haben die in der Gewerkschaft Inicjatywa Pracownicza [ip – Arbeiterinitiative] organisierten Arbeiterinnen und Arbeiter auf etliche Probleme aufmerksam gemacht. Hunderte von Arbeiterinnen und Arbeitern haben Petitionen gegen Feiertagsarbeit, steigende Normen, zu niedrige Löhne und zuletzt gegen Änderungen der Arbeitszeit unterschrieben.

Am 24. und 25. Juni lief das Fass über, als die Schichten von zehn auf elf Stunden verlängert wurden, während die Belegschaften in den deutschen Amazon-Zentren streikten. Die Arbeiterinnen und Arbeiter in Poznan waren über diesen Streik im Bilde, da die IP im Betrieb Flugblätter verteilt hatte, in denen sie die Forderungen von Ver.di, der Gewerkschaft der deutschen Amazon-Arbeiter, vorstellten. Am schwarzen Brett der IP hingen auch Bilder von Streikkundgebungen in Deutschland. Die VertreterInnen der IP trugen in Poznan Streik-T-Shirts mit dem Slogan "Pro Amazon mit Tarifvertrag", die sie von Ver.di-Aktivisten erhalten hatten (der Tarifvertrag ist die Hauptforderung der Streikenden). Auf Straßenbrücken in Sady [dem Vorort von Poznan, in dem das Amazon-Lager steht] wurden Transparente aufgehängt, auf denen zu lesen war: "Wir unterstützen die Streiks bei Amazon in Deutschland."

In der Nachtschicht vom 24. auf den 25. Juni beschloss ein Teil der Belegschaft in Poznan – während der elften [wegen des Streiks in Deutschland angesetzten] Arbeitsstunde – spontan seine Solidarität zu zeigen und seine Unzufriedenheit mit den allgemeinen Arbeits- und Lohnbedingungen bei Amazon in Poznan durch langsameres Arbeiten auszudrücken. Andere weigerten sich, während des Streiks in Deutschland zu arbeiten, und reichten kurzfristig Urlaub ein, um nicht zum Streikbrecher zu werden.

Wir kennen nicht die jeweiligen Gründe aller an den Ereignissen in der Nacht vom 24. auf den 25. Juni Beteiligten. Die Ursache für die spontane Reaktion und dafür, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter die Dinge in die eigenen Hände genommen haben, sehen wir jedoch in der arbeiterfeindlichen Politik von Amazon und in der Tatsache, dass der Arbeitgeber die bisherigen Forderungen der Arbeiterinnen und Arbeiter in Poznan ignoriert hat.

Nach den Protesten wurden in den letzten Tagen eine Reihe von Disziplinargesprächen durchgeführt. Dabei wurden bisher mindestens fünf Arbeiter und Arbeiterinnen (vor allem Frauen aus der Abteilung Pick) von der Arbeit freigestellt (bei Lohnfortzahlung). Dazu hat die Inicjatywa Pracownicza am 25. Juni folgende Erklärung herausgegeben:

"Nachdem die Betriebsübergreifende Sektion der OZZ Inicjatywa Pracownicza durch Arbeiter von der Freistellung von mindestens vier Arbeitern erfahren hat, verlangen wir Aufklärung über die Gründe. Soweit uns bisher bekannt ist, steckt hinter diesen Aktionen einzig und allein der Versuch des Arbeitgebers, Druck auf die Belegschaft auszuüben, welche spontan ihre Unterstützung für den Streik bei Amazon Deutschland und die Forderungen unserer deutschen Kolleginnen und Kollegen gezeigt hat. Repressionen werden die Stimmung in der Poznaner Belegschaft von Amazon aber nicht beruhigen, sondern den schwelenden Konflikt erst recht anheizen. Daher fordern wir das Management auf, die Freistellung der Amazon-Arbeiter und -Arbeiterinnen zurückzunehmen und mit der OZZ Inicjatywa Pracownicza Gespräche über die Verbesserung der Arbeits- und Lohnbedingungen aufzunehmen."

Am 28. Juni wurde eine weitere Arbeiterin freigestellt. Von anderen Arbeitern haben wir erfahren, dass bei anderen Disziplinargesprächen mit Vertretern des Managements den teilnahmeberechtigten Mitgliedern der IP die Anwesenheit verweigert wurde. Die IP fordert den sofortigen Stopp dieser ungesetzlichen und gegen die Interessen der Gewerkschaftsmitglieder gerichteten Aktionen.

Unter dem Eindruck der Protestaktionen und der Reaktion von Amazon sind der IP übrigens in den letzten Tagen mehr als dreißig weitere Arbeiterinnen und Arbeiter beigetreten.

Während der Gedenkfeier für den Arbeiteraufstand von Juni 1956 in Poznan standen auch Mitglieder der Inicjatywa Pracownicza von Amazon vor dem Tor der Cegielski-Werke [ehemals größte Fabrik der Stadt und Zentrum des Aufstands von 1956], als gesagt wurde: "Für die Inicjatywa Pracownicza geht es vor allem um die sozialen Forderungen der Arbeiter – damals wie heute. Wir sollten uns daran erinnern, dass die Arbeiter von Cegielski damals wegen höherer Normen und niedriger Löhne auf die Straße gingen. Jetzt läuft ein Konflikt bei Amazon. Dort verlangen die Arbeiter heute dieselben Dinge."

Die Inicjatywa Pracownicza spricht den laufenden und zukünftigen Streiks unserer in der Gewerkschaft Ver.di organisierten Kolleginnen und Kollegen bei Amazon Deutschland ihre Unterstützung aus. Wir fordern von Amazon in Polen die Rücknahme der Freistellungen und die Beendigung der Einschüchterung der Belegschaft. Andernfalls sind wir zu Protestaktionen gezwungen. Wir fordern die polnischen und deutschen Arbeiter und Arbeiterinnen zur Einheit auf. Unser gemeinsames Ziel ist der Kampf um Würde, bessere Arbeitsbedingungen und bessere Löhne – über die Grenzen hinweg!

Anhang – Aufnahme des Arbeitskampfs und Liste der Forderungen an Amazon in Poznan/Polen

Die Betriebsübergreifende Sektion der OZZ Inicjatywa Pracownicza bei AMAZON Fulfillment Poland Sp. z o.o. hat am 26. Juni 2015 gemäß Art. 1 und Art. 7 des Gesetzes über die Beilegung von kollektiven Arbeitskämpfen folgende Forderungen an den Arbeitgeber gestellt:

1. Erhöhung des Stundengrundlohns auf mindestens 16 Zloty brutto.

Aufgrund des jährlich steigenden Mindestlohns, der zunehmenden Arbeitsbelastung und der steigenden Normen erwarten die Arbeiter Lohnerhöhungen.

2. Einführung von Zuschlägen nach Betriebszugehörigkeit.

Aufgrund der großen Fluktuation in der Firma sollten erfahrene, schon länger beschäftigte Arbeiter Zuschläge nach Betriebszugehörigkeit erhalten.

3. Einführung von Arbeiteraktien.

Die Arbeiter wollen, dass Aktien als Motivationsinstrument, wie Amazon sie in vielen anderen Ländern anbietet, auch in Polen eingeführt werden.

4. Einführung von Einsatzplänen auf Jahresbasis.

Die aktuellen monatlichen Einsatzpläne erschweren die Planung der Freizeit. Die Arbeiter wollen Einsatzplanungen auf Jahresbasis, so wie sie die Amazon-Beschäftigten in Deutschland erhalten.

5. Einführung einer an die reale Pausenzeit angepassten Pausenzeitregelung.

Aufgrund der großen Entfernung zwischen Arbeitsplätzen und Pausenräumen muss die Pausenzeit korrekt erfasst werden, zum Beispiel ab dem Tor und nicht ab der Pausenklingel in der Halle.

Falls Amazon diese Forderungen nicht erfüllt, befindet sich die Gewerkschaft ab dem 4. Juli 2015 im Arbeitskampf mit dem Arbeitgeber. In dem Fall werden in den nächsten Wochen Verhandlungen stattfinden. Falls die Parteien nicht zusammenkommen, wird eine Schlichtung durch einen externen Schlichter stattfinden. Bei fehlendem Verhandlungsfortschritt hat die Gewerkschaft das Recht zu einem zweistündigen Warnstreik. Falls am Ende keine Einigung erzielt wird, hat die Belegschaft das Recht, offiziell zu streiken.
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Übersetzte und leicht umgestellte Version; polnische Fassung unter http://www.ozzip.pl/teksty/informacje/pilne-akcje/item/1950-wybuch-konfliktu-spor-zbiorowy-i-represje-w-amazonie

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